«Eine bleibende Erinnerung aus meiner Kindheit sind die zahlreichen Gimpel, die sich im Winter regelmässig an unserem Futterhäuschen zeigten. Diese und andere Vogelarten sind heute weitgehend aus meiner Wahrnehmung verschwunden. Das möchte ich ändern.»

Mathias Villiger, Projektleiter

Nicht die Vögel – ihre Vielfalt ist in Gefahr

 

«Vögel im Aufwind» ist die laufende vierjährige Kampagne von BirdLife Zürich. Sie gliedert sich in 5 Schwerpunkte. Ziel ist es, die Biodiversität im Kanton Zürich und in jeder Zürcher Gemeinde, namentlich die Zahl der Brut- und Gastvogelarten zu erhalten oder zu erhöhen.

Vögel kommen in verschiedensten Lebensräumen vor und stellen an diesen häufig spezifische Ansprüche. Daher sind Brutvogelbestände ein wertvoller Indikator für den Zustand der Biodiversität im Allgemeinen. Als Verband der Naturschutz-Vereine im Kanton Zürich ist die Erhaltung und die Förderung der Biodiversität unser oberstes Ziel.

Auf dem Weg zu diesem Ziel ist Vernetzung unsere grosse Stärke: 107 Naturschutzvereine engagieren sich in ihren Gemeinden, wo sie sich seit Jahrzehnten für die Natur in ihren Dörfern einsetzen. Ergänzend zu den lokalen Vereinen fördern wir als ihr Verband die Biodiversität mit eigenen Projekten: auf Ackerflächen, in Reben und im vielfältigen Waldrandbereich.

Schwerpunkt: Breite Übergänge zwischen Wald und Kulturland

Schwerpunkt: Breite Übergänge zwischen Wald und Kulturland

 

Ein Lebensraum voller Überraschungen

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde der Wald intensiv genutzt: als Weide, als Brennholzlieferant oder Laubstreu-Quelle. Heute verläuft die Grenze zwischen Wald und Wiese abrupt, messerscharf; und oft geht eine Wiese ansatzlos in geschlossenen Wald über, eine Wand aus Bäumen. Brutvögel der Übergänge zwischen Wald und Kulturland verschwinden zunehmend aus unserem Kanton. Die Bestände der Arten der offenen, von Licht durchfluteten Wälder und der fliessenden Übergänge zwischen Offenland und Wald haben stark abgenommen oder stagnieren auf tiefem Niveau.

Arten wie Gartenrotschwanz, Fitis, Wendehals, Wiedehopf oder Grauspecht sind Beispiele von selten gewordenen Arten, die auf offenere Wälder angewiesen wären, um stabile und genügend grosse Bestände zu bilden. Diese Arten sind denn in den letzten Jahrzehnten auch auf Ersatz-Lebensräume wie Hochstamm-Obstgärten, Rebberge und oder Schrebergarten-Areale ausgewichen und stehen heute auf der Roten Liste der Brutvögel.

Der seit gut einem Jahrzehnt stetig zunehmende Holzvorrat sowie die intensivierte Landwirtschaft haben mit dazu beigetragen, dass die Grenze zwischen Wald und Kulturland heute sehr abrupt verläuft.
Gerade der Übergangsbereich hat aber ein grosses Potenzial, um viel zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beizutragen. Eine verstärkte Holz-Nutzung im Waldrandbereich trägt dazu bei, dass strukturreichere und diffusere Übergänge zwischen dem Kulturland und dem geschlossenen Wald entstehen.

© Stefan Wassmer  Schwerpunkt: Ackerbrüter

Schwerpunkt: Ackerbrüter

 

Sinnhaftigkeit als wichtigstes Argument

Über Jahrhunderte schuf der Mensch mit seiner Bewirtschaftungsweise offene und sehr artenreiche Lebensräume. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft haben jedoch in den letzten Jahrzehnten viele spezialisierte Vogelarten stark an Terrain verloren. Namhafte Teile des Kantons Zürich sind typische Ackerbaugebiete und eignen sich mit seinem milden Klima hervorragend für die Förderung selten gewordener Ackervögel. Im Kanton Zürich ist der Bestand der Feldlerche seit 1988 um mehr als 80 Prozent zurückgegangen, von 2900 auf kaum mehr 530 Brutpaare. Dieser Trend hat sich seither noch verschärft. Feldlerche, Kuckuck, Schwalben: Zahlreiche Vögel, die wir eigentlich als Frühlingsboten kennen, sind am Verschwinden.

Dieses Projekt sensibilisiert Landwirte für die Bedürfnisse unserer Ackervögel und motiviert sie, konkrete Förderungs-Massnahmen für diese Arten zu ergreifen. Wir wollen insekten-, blumen- und strukturreiche Flächen wie Buntbrachen neu anlegen. Zusätzlich werden auch auf den Äckern selber Massnahmen für unsere Vögel umgesetzt, beispielsweise Feldlerchenfenster im Getreide oder ein längere Intervalle beim Mähen der Wiesen.

Die Sinnhaftigkeit ist das wichtigste Argument für das Mitmachen der Landwirte. Deshalb setzen wir auf persönliche Beratung der Bauern, welche sich für den Erfolg von Ökomassnahmen auf Landwirtschaftsbetrieben als zentral erwiesen hat. Damit diese für die Bauern wirtschaftlicher sind, übernehmen wir beispielsweise auch die Saatgutkosten der Brachen. So wollen wir nach und nach die Dichte an wertvollen Flächen in den intensiven Ackerbaugebieten erhöhen und ein Netzwerk aus geeigneten Strukturen schaffen. Lebensmittelproduktion und Biodiversität sollen nebeneinander Platz haben.

© Stefan Wassmer  Schwerpunkt: Heckenvögel

Schwerpunkt: Heckenvögel

 

Ausgeheckte Lebensräume

Hecken sind wahre Tausendsassas unter den Lebensräumen: Sie vernetzen naturnahe Lebensräume in der Landschaft und bieten sich als Verbindungswege für Wildtiere an. Sie dienen zahlreichen, auch seltenen Tier- und Pflanzenarten als Lebensraum, bieten Nistgelegenheiten, Nahrung, Schutz und Rückzugsmöglichkeiten.

Dank dem ganzjährigen, reichen Nahrungsangebot finden nicht nur Vögel, sondern auch viele Nützlinge wie Marienkäfer, Schwebefliegen, Schlupfwespen und andere Kleinlebewesen in Hecken und Krautsäumen Fortpflanzungs- und Überwinterungsmöglichkeiten. Zeitig im Frühjahr können sie wieder in Wiesen und Äcker zurückkehren.
An Hängen und Ufern halten Hecken mit ihren Wurzeln den Boden zusammen und vermeiden so Erdrutsche und Uferauswaschungen. Sie bremsen die Windgeschwindigkeit, verhindern Bodenverwehungen und vermindern die Wasserverdunstung.

Sei es für eine Exkursion oder für einen gemeinsamer Pflanzungs- oder Pflegeeinsatz: Hecken eignen sie sich auch hervorragend als Objekte für Gemeinschaftserlebnisse. Ein jeder kann selber Hand anlegen und im gemeinschaftlichen Einsatz eine ökologische Oase schaffen. Unsere Naturschutzvereine pflegen eine lange Hecken-Tradition. Von diesen wertvollen Erfahrungen profitieren auch zahlreiche Unternehmen, die sich an Einsätzen im Feld beteiligen und so langfristige Naturwerte schaffen – und bleibende Erlebnisse gewinnen.

 

 

© Sandra Schweizer  Schwerpunkt: Gebäudebrüter

Schwerpunkt: Gebäudebrüter

 

Gemeinnütziger Wohnungsbau

Als ursprüngliche Felsenbrüter haben sich einige Arten schon im Mittelalter an unsere Lebensweise in Dörfern und Städten angepasst und aufs Gebäudebrüten verlegt. Mehrgeschossige Bauten mit Hohlräumen unter Dächern oder schief sitzenden Ziegeln oder Rollladenkästen boten gute Nistmöglichkeiten für Mauer- und Alpensegler, unter Satteldächern und Dachvorsprüngen können oder konnten Mehlschwalben ihr Domizil einrichten.

In unseren modernen Siedlungsgebieten sind Gebäudebrüter allerdings recht rar geworden, teilweise sogar völlig verschwunden. Hauptgründe sind Nahrungs- und Nistmaterialmangel – auf versiegelten Flächen können sich keine Insekten entwickeln, Baumaterial für die Nester fehlt und offene, zur Jagd geeignete Flächen schwinden – aber auch die fortschreitende Modernisierung macht ihnen zu schaffen: Die Fassaden von Neubauten oder renovierten Gebäuden – häufig Zweckbauten aus Stahl und Glas – sind zu glatt, die Nester halten nicht und oft fehlt ein schützender Dachrand. Aus Angst vor Fassadenschäden und Kotverschmutzungen unter den Nestern werden sie vergrämt oder  die Nester werden gar rechtswidrig entfernt.

Segler sind ihrem Brutplatz treu. Haben sie einmal an einem Ort erfolgreich Junge aufgezogen, kehren sie jedes Jahr zum gleichen Nest zurück. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Informationsarbeit, ein Angebot an künstlichen Nisthilfen und persönliche Beratung von Hausbesitzern tatsächlich wirken: Über 70 Naturschutzvereine haben Mehlschwalben und Seglern weit über 1000 Brutmöglichkeiten zur Verfügung gestellt und diese Arten erfolgreich unterstützt. An diese Erfolge knüpfen wir mit unserem Folgeprojekt «Gebäudebrüter» an.

© Stefan Wassmer  Schwerpunkt: Biodiversität im Rebberg

Schwerpunkt: Biodiversität im Rebberg

 

Nicht nur die Vögel profitieren

Rebberge sind für viele Vogelarten wichtige Lebensräume. Mildes Klima und starke Sonneneinstrahlung sowie lockerer Wuchs der typischen Rebbergflora fördern die Insektenvielfalt, wovon auch Vögel profitieren. Strukturelemente wie Bäume, Hecken oder Bruchsteinmauern bieten ihnen Brutmöglichkeiten, Rebstöcke, Pfähle und Fixierdrähte sind wichtige Sitzwarten.
Obwohl es kaum Vogelarten gibt, die strikt an Rebberge gebunden sind – sei es als Nistplätze oder Nahrungsflächen – lassen sich insbesondere Zaunammern, Hänflinge, Neuntöter, Distelfinke und Schwarzkehlchen über ökologische Aufwertung von Weinbergen fördern. In ausgewählten Gebieten könnten durchaus auch Spezialisten wie der Wendehals oder der prachtvolle Wiedehopf wieder heimisch werden.
Doch nicht nur Vögel profitieren: Durch Schaffung von Stein-Strukturen und offenen Bodenstellen lassen sich neben Wildbienen und Kleinsäugern insbesondere auch Reptilien fördern. Wo die Schlingnatter (noch) vorkommt, soll sie mit Steinstrukturen mehr Lebensraum erhalten. Davon profitieren auch die Zaun- und die Mauereidechse.
Sträucher, Wildrosen und Hecken bieten Tagfaltern, Wildbienen und weiteren Insekten eine Lebensgrundlage. Auf offenen Bodenstellen und magerem Substrat lässt sich die typische Rebberg-Flora fördern, sei es durch Einsaat oder Spontanbegrünung. In lockerer Vegetation finden zahlreiche Brutvögel ihre Nahrung leichter.
Unsere Erfahrungen zeigen, dass mit sorgfältiger Planung, Geduld und motivierten Geldgebern wertvolle Verbesserungen in Weinbergen möglich sind. In den letzten fünf Jahren hat BirdLife Zürich zwölf Rebberg-Projekte realisiert. Diesen Erfolg möchten wir mit diesem Projekt weiterführen.